Barrierefreies E-Learning – Tipps für E-Learning-Anbieter

E-Learning bezeichnet eine Form des Lernens, bei der digitale Medien für die Präsentation von Lerninhalten zum Einsatz kommen. In der Regel wird über ein Learning Management System (LMS) Lerninhalt (Content) in unterschiedlichen Formaten angeboten (HTML, PDF, Video, Audio etc.).

Damit ein digitales Lernangebot – also sowohl der technische Rahmen als auch der Inhalt – für alle Menschen unabhängig von Alter, Fähigkeit oder Situation nutzbar ist, muss es barrierefrei umgesetzt sein. Dann können alle Lernenden, auch blinde, seheingeschränkte oder schwerhörige Menschen bzw. Nutzer mit motorischen oder kognitiven Beeinträchtigungen, am Lernangebot teilhaben.

Dieser Artikel ist als erste Annäherung an das Thema gedacht und im Austausch mit dem Münchner Videolearning-Anbieter Pink University entstanden. Wir schenken dem Format „Videolearning“ besondere Aufmerksamkeit, es gibt jedoch auch Hinweise zur barrierefreien Umsetzung von webbasierten Lerninhalten, die in HTML und/oder PDF angeboten werden.

Was Sie als E-Learning-Anbieter bedenken können, haben wir in folgende Themen unterteilt:

Basiswissen zum Einstieg: Welche Anforderungen hinsichtlich Barrierefreiheit haben Lernende mit Einschränkungen?

Wer die Umsetzung eines barrierefreien E-Learnings plant, sollte erst einmal die ganze Bandbreite potentieller Nutzer in den Blick nehmen – auch Menschen mit Behinderungen. Sich mit ihrer Art der Nutzung digitaler Lernangebote und ihren Lernbedürfnissen vertraut zu machen hilft, im Umsetzungsprozess zielgerichtet entsprechende Lösungen zu finden.

Menschen mit Behinderungen im Web

Erfahren Sie in der BIK-für-Alle-Rubrik Wer profitiert von einem barrierefreien Internet?, wie Menschen mit Behinderungen das Web nutzen und lernen Sie ihre jeweiligen Barrierefreiheits-Anforderungen kennen.

Technischer Standard für Barrierefreiheit von Webangeboten: WCAG

Die Barrierefreiheits-Anforderungen unterschiedlicher Nutzergruppen werden in den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) zusammengefasst. Die WCAG werden von einer Arbeitsgruppe des World Wide Web Consortiums (W3C) entwickelt und sind der international anerkannte technische Standard für Barrierefreiheit im Web. Sie sind auch Bestandteil der europäischen Norm EN 301 549 (PDF, 2 MB), Abschnitt 9 Web.

Die WCAG definieren vier globale Prinzipien der Barrierefreiheit (Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit) und konkretisieren diese durch sogenannte Erfolgskriterien (success criteria). Erfolgskriterien fordern beispielsweise, dass Grafiken mit Alternativtexten versehen, Schaltflächen beschriftet oder interaktive Elemente tastaturbedienbar sind. Die aktuelle WCAG 2.1 nennt insgesamt 78 Erfolgskriterien auf drei ‚Levels‘: Von Level A (niedrig) bis AAA (hoch). Für die Lernplattform und die webbasierten Lerninhalte (Grafiken, Texte, Multimedia usw.) werden in der Regel die Erfolgskriterien der Levels A und AA umgesetzt.

Technischer Standard für Barrierefreiheit von PDF-Dokumenten

Lerninhalte werden häufig im ‚Portable Document Format‘ (PDF) eingebunden – und auch diese müssen barrierefrei sein! Grundsätzlich gilt: Je komplexer das PDF-Dokument, umso aufwändiger ist möglicherweise die Umsetzung von Barrierefreiheit. Daher muss am Anfang immer die Frage stehen: Muss es ein PDF sein oder können die Inhalte auch in HTML vermittelt werden? Wer auf PDFs nicht verzichten möchte, sollte sich an den Barrierefreiheits-Anforderungen der WCAG orientieren, die im "Abschnitt 10 Non-web documents" der EN 301 549 (PDF, 2 MB) auf das PDF-Format übertragen wurden. Einen Größteil der WCAG-Anforderungen finden sich auch in den Empfehlungen der DIN ISO 14289-1 (PDF/UA-1).

E-Learning-Autorentools und Barrierefreiheit

Wie gut unterstützt mein E-Learning-Autorentool die Umsetzung von Barrierefreiheit bereits im Entstehungsprozess? Welches Werkzeug liefert den bestmöglichen Output?

Bei der Orientierung helfen zwei Richtlinien: Der ‚Teil B‘ der Authoring Tool Accessibility Guidelines 2.0 (ATAG) liefert Kriterien, die ein Tool erfüllen muss, das die Erstellung barrierefreier Inhalte unterstützt. Ähnlich aussagekräftig wäre die Information, dass mit dem Autorentool Kurse erstellt werden können, die die WCAG (meist Level ‚AA‘) erfüllen. Doch aktuell lassen sich kaum transparente Informationen finden: Weder zur ATAG-Konformität des E-Learning-Autorentools noch zur WCAG-Konformität der erstellten Lerninhalte.
Was tun?

  • Wer bereits mit einem bestimmten Tool arbeitet, sollte sich beim Anbieter informieren, inwiefern es die oben genannten Barrierefreiheits-Standards erfüllt bzw. ob eine Optimierung des Tools in dieser Hinsicht geplant ist. Eventuell kann der Anbieter auch auf einzelne Features oder Plug-Ins hinweisen, die die Umsetzung von Barrierefreiheit unterstützen.
  • Wer ein entsprechendes Autorentool kaufen möchte und Produktvergleiche sucht, die sich auf den Barrierefreiheitsaspekt konzentrieren, tappt derzeit im Dunkeln. Hilfreich kann der Austausch mit internationalen Barrierefreiheits-Experten sein, etwa über die Mailinglist der u.s.-amerikanischen Web-Accessibility-Plattform ‚WebAIM.

Ein E-Learning-Angebot entsteht – wie findet Barrierefreiheit Berücksichtigung?

Denken Sie Barrierefreiheit von Anfang an und über den gesamten Entstehungsprozess eines Lernmaterials mit. Oft ist das Nachrüsten bestehender Materialien weniger effizient, als sie mit dem entsprechenden Fokus neu zu bauen (manchmal ist ein Nachrüsten sogar unmöglich).

Barrierefreie Umgebung

Wird Lernmaterial in ein Webangebot oder in ein Learning Management System (LMS) eingebunden, sollte auch die Plattform gemäß WCAG barrierefrei sein. Lernende nutzen Lernmaterialien ja immer in Zusammenhang mit der ganzen Website, müssen sich also z. B. registrieren, sich auf der Seite orientieren, navigieren usw.

Ein LMS, das speziell in Bezug auf Barrierefreiheit entwickelt wurde, ist z. B. ATutor (Open Source). Die Studie A Comparison of Learning Management System Accessibility (2013) vergleicht die Zugänglichkeit von Blackboard, Desired2Learn, Moodel und SAKAI.

Barrierefreie Lerninhalte erstellen

Didaktische Konzepte

Verständliche, geeignete Lernmaterialien zu entwickeln, ist für E-Learning-Anbieter eine Selbstverständlichkeit. Denken Sie bei der inhaltlichen Gestaltung auch an die Lernbedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. Interessante Ansatzpunkte finden sich in folgenden Studien:

Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Lernschwierigkeiten sind Texte in "Leichter Sprache" bedeutsam. Für die Erstellung von Texten in Leichter Sprache gibt es Regeln. Hierzu zählen z. B. einfache Worte und kurze Sätze. Weitere Informationen finden Sie in unserer BIK-für-Alle-Rubrik Was bedeutet Leichte Sprache?.

HTML

Achten Sie grundsätzlich darauf, Formate zu nutzen, die Zugänglichkeit unterstützen. Kurz gesagt: Nutzen Sie HTML wann immer es geht. Beispielsweise sind Lerninhalte, die als Flash exportiert werden, in der Regel nicht barrierefrei – bei HTML-basiertem Output stehen die Chancen auf alle Fälle besser. Egal ob Lernmaterialien wie z. B. ein Fragebogen oder informative Inhalte: Achten Sie beispielsweise auf einen semantischen Code und Tastaturbedienbarkeit, zwei grundlegende Anforderungen der Barrierefreiheit.

Es ist sinnvoll, in jeder Phase des Entwicklungsprozesses zu testen. So lassen sich frühzeitig Barrieren identifizieren und beheben. Testen Sie selbst dann, wenn Ihr E-Learning-Autorentool anführt, den WCAG ‚AA‘-Standard zu erfüllen: Nur durch Tests können Sie sichergehen, dass Ihr Lernmaterial zugänglich ist.

Da automatische Tools immer nur einen begrenzten Ausschnitt prüfen, empfehlen wir Testwerkzeuge, die von menschlichen Prüfern durchgeführt werden und alle Barrierefreiheits-Anforderungen der WCAG ‚AA‘ abdecken, etwa das W3C-Online-Tool (englischsprachig) oder die BIK BITV/WCAG-Selbstbewertung (deutschsprachig).

Zusätzlich kann es sinnvoll sein, mit einem Screenreader – dem Hilfsmittel blinder Menschen – zu testen. Der Open-Source Screenreader NVDA wird normalerweise in Kombination mit Firefox eingesetzt. Hinweise für die Bedienung vermittelt ein englischsprachiges NVDA-Tutorial.

PDF

Einfache Text-Dokumente, können selbst erstellt werden (mit eventuell nicht perfektem, aber brauchbarem Ergebnis). Komplexere Dokumente sollten von Profis optimiert werden (z.B. Wertewerk, UA4all).

Falls Sie einfache PDF-Dokumente selbst erzeugen wollen, achten Sie darauf, bereits in Ihrem Quell-Dokument (z. B. dem Word-Dokument) die wichtigsten Voraussetzungen zu erfüllen. Leitfäden zur Erstellung barrierefreier PDF finden Sie z. B. von der Justus-Liebig-Universität Gießen Barrierearme Dokumente.

Auch PDF-Dokumente sollten getestet werden: Mithilfe des kostenlosen Tools PDF Accessibility Checker durchläuft das PDF-Dokument auf Knopfdruck alle maschinenprüfbaren Barrierefreiheits-Kriterien. Das liefert zumindest einen ersten Eindruck, ob das PDF Barrieren enthält. Das umfassende PDF-Prüfmodell, ausgearbeitet für menschliche Prüfer, ist das Matterhorn-Protokoll.

Video

Die drei wesentlichen Barrierefreiheits-Anforderungen für Videos sind ein barrierefreier Video-Player, eine hörbehindertengerechte Untertitelung und die Vermittlung rein visueller Informationen für blinde Menschen, z. B. in Form einer Audiodeskription.

Für E-Learning-Anbieter wichtig zu wissen: Wer bereits bei der Entwicklung des Drehbuchs und bei der Videoproduktion Barrierefreiheit mitdenkt, kann auf aufwändige Alternativen verzichten oder diese effizienter umsetzen:

  • Untertitelung mitdenken:
    Mäßiges Sprechtempo und verständliche Sprache erleichtern es allen, den Inhalt gut zu verstehen. Sie machen es im Anschluss aber auch leichter, eine Untertitelung zu erstellen, die nah am Original ist und gut mitgelesen werden kann. Denn auch wenn Untertitel zur Verfügung stehen, lesen Menschen mit Höreinschränkungen synchron von den Lippen des Darstellers ab.
    Liegt für das Lernvideo ein Drehbuch vor, ist ein Großteil der Arbeit bereits getan. In den meisten Untertitel-Editoren kann ein Transkript hochgeladen und zu einer Untertitel-Datei weiterentwickelt werden.
  • Die Vermittlung visueller Informationen für blinde Menschen mitdenken:
    Damit blinde und stark seheingeschränkte Menschen ein Lernvideo verstehen können, muss Sichtbares sprachlich vermittelt werden. Wer bereits bei der Produktion darauf achtet, Bildgeschehen, das für das Verständnis eines Lernvideos wichtig ist, im Originalton zu erläutern, kann später auf die Bereitstellung einer Audiodeskription verzichten. Das bedeutet z. B., dass die Inhalte einer eingebundenen Präsentation vorgelesen oder eine eingeblendete Grafik erklärt werden sollten.
    Ist die Übertragung von informationstragendem Bildgeschehen in Sprache nicht möglich, kann ein bewusster Einbau von Pausen helfen. Stehen nämlich ausreichend Pausen zur Verfügung, kann die Filmtonspur später einfacher um die Textelemente der Audiodeskription ergänzt werden. Mit verschiedenen Audiodeskriptions-Tools können Anbieter auch selbst aktiv werden.

Ausführliche Informationen finden Sie in unserem Leitfaden barrierefreie Online Videos. Er informiert nicht nur über Barrierefreiheits-Anforderungen, sondern gibt auch Praxis-Tipps für die Umsetzung – etwa zu verschiedenen Untertitel-Editoren (auch YouTube) und Audiodeskriptions-Tools.

Speziell für das Videolearning an Hochschulen haben BIK für Alle, die Justus-Liebig-Universität Gießen und weitere Experten die Analyse "Barrierefreie Videos in der Hochschullehre" (LINK folgt) veröffentlicht.

Audio

Um für Menschen mit Höreinschränkungen zugänglich zu sein, benötigen Audiodateien eine Transkription. Für eine hörbehindertengerechte Transkription werden das gesprochene Wort und alle weiteren wichtigen Audioinformationen in Text-Form angeboten. Hintergrundgeräusche werden in Klammern gesetzt. Sind verschiedene Sprecher aktiv, muss auch dies vermittelt werden. Eine Transkription sollte möglichst in HTML angeboten werden: Von der Audiodatei sollte dann ein Link auf die Transkription verweisen (und umgekehrt aus der Transkription ein Link auf die Audiodatei).

Nach innen und außen informieren

Ein Gedanke zum Schluss: Barrierefreiheit ist im E-Learning noch wenig bekannt. Nach unserer Erfahrung wissen oft weder Anbieter, noch Kunden, dass durch unsichtbare Barrieren Lernende ausgegrenzt werden. Es ist daher wichtig, nach innen und außen zu informieren, also Barrierefreiheit sowohl in den eigenen Workflow zu integrieren, als auch beim Kunden für das Thema zu werben. Überzeugende Argumente finden Sie in der BIK-für-alle-Rubrik Vorteile von Barrierefreiheit.